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DIE ZEITSCHRIFT
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WILHELM REICH

 



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Charles Konia
Vittorio Nicola

DIE GEFAHREN VON KÖRPERTHERAPIEN: DREI FALLSTUDIEN

Charles Konia, M.D.

The Journal of Orgonomy, vol. 15/1, 1981
The American College of Orgonomy

 

Hinsichtlich der Frage der Laientherapie erklärt Baker:

Ich bin gegen Laientherapeuten, insbesondere jene, die körperorientierte Techniken ausüben. Dies ist weder nur ein persönliches Vorurteil, noch geht es darum Wettbewerb auszuschalten. Ein Laientherapeut kann einfach nicht den nötigen Respekt vor dem Körper haben, den jemand erwirbt, der nach Jahren des Studiums der Medizin mit Anatomie, Physiologie, Pathologie, den verschiedenen Krankheiten, körperlichen und emotionalen, vollständig vertraut ist. Psychologen haben einige Kenntnisse in der Psychiatrie, aber es fehlt ihnen der notwendige medizinische Hintergrund, den ein Arzt erworben hat. Das ist schon schlimm genug, aber heute haben wir Leute ganz ohne Training und Grundwissen, die Verantwortung für Patienten mit emotionalen Problemen übernehmen. Scheinbar glaubt jeder, daß er diese Zustände behandeln kann und daß dies in sich selbst rechtfertigt augenblicklich zu einem Fachmann zu werden, der seine hohen Einnahmen verdient. Viele hängen sich den Mantel eines Arztes über und der ahnungslose Patient findet sich in völlig inkompetenten Händen. Dahinter steckt eine völlige Mißachtung menschlichen Elends. Es ist ein Wunder, daß nicht häufiger Katastrophen auftreten. Emotionale Probleme erfolgreich zu behandeln, ist selbst für den Erfahrensten schwierig. Körperliche oder emotionale Notfälle zu erkennen ist nie einfach. Dies ist keine Aufgabe für Schlechtausgebildete oder Unerfahrene, nicht einmal für die besten Laientherapeuten. Emotionale Störungen gehören in den Bereich der Krankheit und Krankheiten sollten von einem voll ausgebildeten Arzt behandelt werden. (1)
Trotz dieser Ermahnungen seitens Dr. Bakers von vor drei Jahren gibt es weiter zuhauf sogenannte körperorientierte Laientherapeuten und der ausgebildete medizinische Orgonom begegnet ziemlich regelmäßig einer Auswahl dieser unglücklichen Patienten. Selbst wenn wirklich katastrophale Ergebnisse nicht vorkommen, fahren Therapien, die entweder von Laientherapeuten oder Ärzten ohne die richtige Ausbildung durchgeführt werden, zwangsläufig sehr bald nach der Anfangsphase fest. Der ungeordnete Umgang mit dem therapeutischen Material führt zwangsläufig zu einer chaotischen Situation. Zumindest kann wenig, wenn überhaupt eine dauerhafte Verbesserung erwartet werden. In diesen unglücklichen Fällen werden nicht nur Zeit und Geld des Patienten verschwendet, sondern jede Hoffnung auf eine dauerhafte Heilung oder Verbesserung wird vereitelt. Die meisten Fälle verlaufen jedoch nicht so glücklich. Sie liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. D.h. es geht ihnen schlechter, als wenn "nichts geschehen wäre", aber besser als jenen Patienten, die die oben genannten verheerenden Folgen zu tragen haben.

Auf der Grundlage von Erfahrungen mit der Behandlung von Dutzenden von Patienten, die zuerst durch unerfahrene Therapeuten (sowohl Laien als auch Mediziner) gesehen wurden und anschließend zu mir kamen, können die folgenden allgemeinen Aussagen gemacht werden: In einigen Fällen brauchten die Patienten viel Zeit um sich erneut zu panzern und ein gewisses Maß an Gleichgewicht zu erreichen, bevor sie ihr Funktionsniveau von vor der Therapie wiedererlangt hatten. Viele waren in einem derartig schlechten biophysischen Zustand, daß wenig, wenn überhaupt etwas, getan werden konnte, um ihre Situation zu verbessern oder ihre chronische Not zu lindern. Andere hatten einen Haken entwickelt, der sich in den meisten Fällen als unheilbar erwies. Keiner der Patienten, an den ich mich erinnern kann, zog einen dauerhaften Nutzen aus seiner vorgegangenen Therapie. Dort, wo Orgontherapie noch möglich war, war es in jedem Fall notwendig direkt an den Anfang zu gehen und damit zu beginnen, den Panzer des okularen Segments systematisch aufzulösen.

In diesem Artikel werden fünf der jüngsten Fälle in dieser Gruppe in ausreichendem Detail beschrieben, um die unvermeidlichen Folgen zu demonstrieren, die von der planlosen Fehlbehandlung der biopysischen Struktur des Menschen erwartet werden können. Zwei Fälle, bei denen die Patienten einen Laientherapeuten in Primärtherapie gesehen hatten, werden diskutiert.(1) Daran schließen sich drei weitere Fälle an, in denen die Patienten "Reichianische" Therapeuten sahen.(2)

 

Fall 1

Der Patient war ein 34jähriger Maschinist, der zur Therapie kam, nachdem er sechs Jahre einen Primärtherapeuten gesehen hatte. Eine Depression mittleren bis schweren Grades war seine Hauptbeschwerde gewesen und sie war es noch immer. Er hatte sich zu jener Zeit besser gefühlt, als der Laientherapeut "Reichianische" Techniken angewendet, d.h. an seinem Muskelpanzer gearbeitet hatte. Da die Therapie unzusammenhängend verlief, wurden jedoch keine wirklichen Fortschritte erzielt und die Unzufriedenheit des Patienten wuchs. Den einzigen Gewinn, den er gezogen hatte, war eine erlernte Fähigkeit, Wut verbal auszudrücken (was er sich vorher nie erlaubt hatte), aber das war nicht sehr hilfreich. In sozialen Situationen war er gegenüber anderen anspruchsvoll und, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt wurden, entwickelte er Frustration und wurde deprimiert. Er fühlte sich gegenüber Frauen kalt und distanziert. Bei einer Gelegenheit versuchte er sexuellen Kontakt, blieb aber frustriert zurück. Seine Tendenz zur Depression war von der Primärtherapie nicht beeinflußt worden.

Bei der biophysischen Untersuchung wirkten seine Augen traurig, aber er war in der Lage, guten Kontakt herzustellen. Er war nicht dazu fähig, Zorn in seinem Gesicht oder in seinen Augen auszudrücken. Er jammerte und klagte sehr viel. Wenn er kurz davor stand wütend zu werden, lachte er oder wirkte, als wolle er gleich weinen. Sein Kiefer war angespannt, die Kehle war stark gepanzert und er war nicht in der Lage zu schreien. Das am stärksten gepanzerte Segment war die Brust. Das Brustbein war hart und nicht komprimierbar. Das Ausatmen war stark eingeschränkt. Manuelle Versuche, den Brustkorb zu senken, blieben erfolglos. Er hatte eine leichte Trichterbrust.

Meine Diagnose war ein manisch-depressiver Charakter mit einer mittelgradigen Depression. Ich hatte den Eindruck, daß in seiner vorherigen Therapie keine konsequente Arbeit geleistet worden war, weder charakterologisch noch biophysisch und vor allem keine Mobilisierung des Brustsegments. Dies wurde durch den Patienten bestätigt. Es war deutlich, daß, solange die starke Panzerung im Mund-, Hals- und Brustsegment nicht beseitigt wurde, seine Neigung zur Depression nicht gelindert werden könnte. Ich richtete daher meine Bemühungen dahin, ihm beim Ausdruck seines Zorns zu helfen und zu versuchen, durch Mobilisierung der Brust sein Energieniveau zu heben. Der Patient reagierte immer voller Trotz, was zeigte, daß er vor seiner Wut Angst hatte. Biophysisch entwickelte er ein grippeähnliches Syndrom, das sich durch Fieber, Pharyngitis, zervikale Adenopathie und Depression manifestierte, die mehrere Tage andauerten. Die biophysische Intoleranz für Expansion war charakteristisch und kehrte häufig wieder. Die Therapie war schwierig, aber nach und nach fing sein Organismus an zu reagieren. Er begann ein höheres Maß an emotionaler Aufladung zu tolerieren, ohne biophysisch zusammenzubrechen. Dies wurde durch eine schrittweise Verringerung seiner Tendenz zur Depression begleitet.

Die entscheidenden therapeutischen Überlegungen konzentrierten sich notwendigerweise auf seine Unfähigkeit Wut auszudrücken, auf das Verstehen der eingeschränkten Toleranz seines Biosystems für den Anstieg von Energie und in Folge auf die Freisetzung seiner Wut auf eine allmähliche und konsistente Art und Weise.

 

Fall 2

Die Patientin war eine 35jährige Ernährungsberaterin, die in Kalifornien einen Primärtherapeuten für viereinhalb Jahre gesehen hatte. Sie hatte aufgehört, als sie ein Plateau erreicht hatte. Anschließend zog sie an die Ostküste und bemühte sich in Therapie bei einem qualifizierten medizinischen Orgonomen zu gehen. Ihre Beschwerden waren vage. Sie erklärte, sie wolle "gesünder werden", "sich besser fühlen", "offener werden", etc. Diese Aussagen waren mit denen identisch, die sie in ihrer ersten Therapie vorgebracht hatte. Von einem biophysischen Standpunkt her zeigte sie, daß sie mit ihren Gefühlen in einem so schlechten Kontakt ist, wie sie es zu Beginn ihrer Therapie vor fast fünf Jahren gewesen war.

Sie könnte etwas genauer sein, was ihre Schwierigkeiten mit Männern betrifft. Sie schien immer eine Beziehung mit dem falschen Mann einzugehen. Ihre Beziehungen waren "leiborientiert" und ohne echten emotionalen Kontakt. Wenn diese Beziehungen sich verschlechterten, hatte sie Probleme sie zu beenden. Sie konnte nicht sagen, warum sie sich so verhielt.

Die biophysische Untersuchung zeigte eine kleine, attraktive Frau, die wie ein kleines Mädchen wirkte und sich so verhielt. Die Oberlider der Augen hingen herab, was auf viel Angst hinwies. Obwohl sie in solch schlechtem Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen war, war sie oberflächlich in gutem Kontakt mit anderen und hatte keine Probleme zu flirten. Im Mund-, Hals- und Brustsegment gab es eine mittelgradige Panzerung, und der Rest der biophysischen Untersuchung war unauffällig. Wenn sie gebeten wurde etwas zu tun, etwa ihre Augen weit zu öffnen oder zu atmen, reagierte sie mit Trotz. Sie schmollte und begann zu jammern und zu klagen, wodurch sie eine Haltung des "nichts hilft" zum Ausdruck brachte. Die Diagnose war einfache Hysterie, erschwert durch ein beträchtliches Maß an Masochismus.

Von ihrer biophysischen und charakterlichen Erscheinung beim ersten Besuch her, war es schwer vorstellbar, daß wirkliche Bewegung während ihrer vorherigen Therapie erzielt worden war. Im Gegenteil, wegen ihrer übermäßigen Angst und dem Trotz, bekam ich den Eindruck, daß sie bis an ihre Grenze getrieben worden war und zu erschrocken war, um bei der Therapie mitzuarbeiten, denn in der Regel begegnet man bei neuen Patienten nicht einem so heftigen Trotz. Ihr war nicht erlaubt worden, sich so zu entpanzern, wie sie dazu in der Lage war.

Trotz der Tatsache, daß ihr hervorstechendster Ausdruck die Angst war, die sich in ihren Augen zeigte, wurde deutlich, daß man dieser Emotion während ihrer vorherigen Therapie keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Das wurde durch die Patientin bestätigt. Auf die Frage, ob dieser Ausdruck in irgendeiner Weise bearbeitet worden war, war ihr zunächst nicht einmal selbst bewußt, daß sie ängstlich war. Als konsequent auf den Ausdruck in ihren Augen hingewiesen wurde, wurde ihr ihre Angst allmählich bewußt. Dies ermöglichte es ihr bei meinen Bemühungen zu ihrer Beseitigung mitzuarbeiten und allmählich ließ ihr Trotz nach. Das ist genau das, was in ihrer vorherigen Therapie nicht geleistet worden war. Als sie in besseren Kontakt mit sich selbst kam, trat ihr masochistisches Verhalten deutlicher hervor und konnte deshalb behandelt werden. Im Anschluß daran begann sich ihre Beziehung zu Männern zu verbessern.

 

Die folgenden drei Patienten wurden von einem "Reichianischen" Paar von Laientherapeuten gesehen, die in Oregon praktizieren. Ihre Behandlung bestand aus einer Kombination von einer Art von Gruppentherapie, die "der lange Kurs" genannt wurde, und Einzeltherapie, die auf der Couch durchgeführt wurde.

 

Fall 3

Diese Patientin war über mehrere Jahre in Gruppen- und Einzeltherapie. Ihre ursprünglichen Beschwerden waren Gefühle der Hoffnungslosigkeit, ein schwacher Sexualtrieb und eine große Menge freiflottierender Angst. Mit Männern, die sie als Autoritätspersonen sah, flirtete sie auf eine fast zwanghafte Weise. Abgesehen von ihrem Empfinden weniger hoffnungslos zu sein, gab es kaum Veränderungen in ihrem Zustand im Vergleich zu der Zeit als sie zuerst zu einem "Reichianer" gegangen war.

Beim ersten Besuch gab es keinen Hinweis darauf, daß ihr Grundproblem, ihr okularer Panzer, überhaupt behandelt worden war. Trotz mehrjähriger Therapie wirkten die Augen unbeweglich und mißtrauisch. Sie wechselten zwischen klar und glasig hin und her. Wenn ihre Augen trüb wirkten, hatte sie beim Denken Schwierigkeiten. Wenn ihre Augen klar wirkten, schien alles einfach. Sie war leicht abzulenken. Ihr Hinterhaupt war ziemlich empfindlich. Mit ihrem begrenzten Vermögen, eine emotionale Ladung im okularen Segment zu halten, wurde sie entweder panisch und verwirrt bei dem geringsten Energieanstieg oder sie sah verletzt aus und weinte. Die Patientin war sehr trotzig, was nicht nur die Funktion hatte, sich selbst vor ihren eigenen unkontrollierbaren Impulsen zu schützen, sondern teilweise wahrscheinlich auch vor dem Angriff des Therapeuten. Diese Annahme drängte sich mir früh im Verlauf der Therapie auf, als die Patientin darüber ihre Erleichterung zum Ausdruck brachte, daß entgegen der Herangehensweise ihrer vorangehenden Therapeuten, die sie ständig gedrängt und angeschoben hatten, ich ihr erlaubte in ihrem eigenen Tempo voranzuschreiten. Daß die klinische Situation in diesem Fall iatrogen war, zeigte sich aus der Tatsache, daß diese Patientin sehr gut auf die systematische Auflösung ihrer Panzerung reagierte und ungewöhnlich schnelle Fortschritte machte. Sie wurde nach 91 Sitzungen aus der Therapie entlassen.

 

Fall 4

In diesem Fall war der Patient ebenfalls für mehrere Jahre in "Reichianischer" Gruppen- und Einzeltherapie gewesen. Als paranoid Schizophrener zeigte er einen starken Block im okularen Segment. Seine Augen waren argwöhnisch. Im rechten Auge hatte er Strabismus. Wenn er angespannt war, entwickelte er Kopfschmerzen. Der Patient hatte ein hohes Energieniveau und war schnell überfordert durch plötzlichen Energieandrang in seinen Kopf hinein, was zu Verwirrung führte. Diese Reaktion wurde von schnellem Blinken begleitet. In seinem täglichen Leben behinderten ihn diese durch Wutanfälle hervorgerufenen Episoden schwer und drohten ihn handlungsunfähig zu machen, da es Zeiten gab, in denen seine Emotionen außer Kontrolle zu geraten drohten. Um den Kontrollverlust zu vermeiden, mußte er diese bedrohlichen Situationen fliehen. Er war voller Trotz, kratzbürstig und anfällig für schnelle Wutausbrüche. Bei Frauen hatte er die Tendenz seine Sexualität als Waffe einzusetzen.

Beim ersten Besuch wurde wieder deutlich, daß die Grundprobleme, sowohl biophysisch als auch charakterologisch, von der vorangegangenen Therapie im Wesentlichen unberührt geblieben waren. Obwohl der Patient behauptete sich in etwas besseren Kontakt mit sich selbst zu befinden, blieben seine Schwierigkeiten in sozialen Situationen und seine Sexualfunktion im Wesentlichen unverändert. Im Gegensatz zum vorherigen Fall war dieser Patient jedoch bei der Erstuntersuchung mit Angst überflutet. Diese wechselte mit plötzlichen Ausbrüchen von Wut, die gelegentlich und ohne ersichtlichen Grund auf den Therapeuten gerichtet wurde. Er sprang dann von der Couch auf und schaute drohend auf mich herunter, um sich dann kleinlaut wieder hinzulegen.

Durch die konsistente Fokussierung auf den Hauptausgangspunkt seines Panzers (das okulare Segment), hat dieser Patient bisher erhebliche Fortschritte in der Orgontherapie gemacht. Er ist in seiner Arbeit und seinem sexuellen Funktionieren rational und fähig, verdrießliche zwischenmenschliche Situationen mit größerer Leichtigkeit zu bewältigen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß seine grundlegenden Probleme ohne ein klares Verständnis der Symptome und des Funktionierens des okularen Blocks angesprochen hätten.

 

Fall 5

Der Patient im folgenden Fall hatte nicht so viel Glück. Er war ein ungewöhnlich begabter Künstler, der nach dem Bruch mit seiner Freundin einen "Reichianischen" Therapeuten aufsuchte. Sein Vater, gegenüber dem er ambivalente Gefühle hegte, war ebenfalls ein erfolgreicher Künstler und der Patient wuchs im Schatten des Rufes seines Vaters auf. Er war hinsichtlich seiner Gefühle verwirrt und hatte Probleme, was seine Identität betraf. Kurz nach Beginn der "Reichianischen" Therapie fühlte er, wie er gefühlskälter wurde und den Kontakt mit seinen Gefühlen verlor. Er wurde verbittert, verließ die Therapie und wanderte ziellos durch das Land, um schließlich an der Ostküste zu landen. Er suchte erneut Hilfe und kontaktierte diesmal einen qualifizierten Orgontherapeuten, der den Patienten an mich überwies. Als ich ihn sah, erklärte er, daß seine Identitätsprobleme, seine Verwirrung und seine Probleme bei der Lebensbewältigung sich intensiviert hatten. Er nahm verschiedene Persönlichkeiten in verschiedenen sozialen Situationen an und beklagte sich, daß er nicht wisse, wer er wirklich sei. Manchmal fühle er sich "verrückt". Während er sprach, wurde sein Redefluß allmählich desorganisiert und er zeigte eine gelockerte Assoziation.

Er erklärte, daß er nach Oregon gegangen sei, um mit "Reichianischer" Therapie zu beginnen. In dieser Therapie erlebte er früh eine akute Kontraktion tief im Bereich des Hinterhauptes, was ihn erschreckte. Zu dieser Zeit erlebte er eine plötzliche Öffnung seines Beckens, woraufhin er mit mehr oder weniger ständiger Angst überflutet war. Er fühlte sich, als ob er an einem Herzinfarkt sterben werde. Er hatte auch den Eindruck, daß er in seinem täglichen Leben trotziger geworden war. Was sein Sozialleben betraf, hatte er den Eindruck, daß er weniger aus sich heraus konnte, wie er es in der Vergangenheit getan hatte. Er wurde mißtrauisch und gewann die Vorstellung, daß sein Geist vom Therapeuten kontrolliert wurde. Er betrachtete das ganze Gebilde in Oregon als kultartig. Er begann es zu hassen und ging. Seit dieser Zeit konnte er keine feste Anstellung halten und trampte ziellos im Land umher, lebte wie ein Eremit und aß aus Mülltonnen. Vor der "Reichianischen" Therapie war er ein erfolgreicher kommerzieller Künstler gewesen. Wegen seiner großen Angst konnte er in keinem Bereich seines Lebens sein Funktionsniveau halten.

Bei der biophysische Untersuchung erwiesen sich die Augen und das Gesicht des Patienten als steif und die Hinterhauptmuskulatur als extrem angespannt. Er war sichtlich ängstlich. Er spürte dies besonders stark in der Brust. Er vermittelte den Eindruck, jeden Augenblick in diesem Bereich zu explodieren. Der Rest der biophysischen Untersuchung ergab leichte Panzerung mit Ausnahme von Spannungen in den unteren Extremitäten.

Leider kam dieser Patient nur zu zwei Sitzungen. Es war mein Eindruck, daß der hohe Grad an Angst, die er erlebte, zusammen mit seinem grundlegenden Mißtrauen gegenüber der Therapie (die nicht ganz ungerechtfertigt war), es für ihn unmöglich machte weiterzumachen. Hätte man diesem Patienten erlaubt, auf geordnete Weise sich zu entpanzern, wäre das therapeutische Ergebnis wahrscheinlich ein ganz anderes gewesen.

 

Diskussion

Aufgrund des anfänglichen biophysischen Bildes, das diese Fälle zeigen, wird offensichtlich, daß es in jedem einzelnen Fall absolut keinen Hinweis darauf gab, daß diese unausgebildeten Therapeuten wußten, was sie taten. Es war offensichtlich, daß die Hauptprobleme der Patienten nicht einmal berührt wurden, ganz zu schweigen davon, daß sie auf eine konsistente und geordnete Weise angegangen wurden.

Diese Aussagen sollen nicht bedeuten, daß es für den ausgebildeten medizinischen Orgonomen nie Probleme gibt. Zwei von ihnen sind die folgenden:

  1. Ein akuter biopsychiatrischer Notfall: Sowohl charakterologische als auch biophysische Anhaltspunkte und Symptome tauchen regelmäßig im Verlauf der Orgontherapie auf. Oft bedarf es all der diagnostischen Fähigkeiten des Therapeuten, um festzustellen, ob das Problem vorübergehend ist oder ob sofortiges medizinisches oder chirurgisches Eingreifen erforderlich ist. Es ist schrecklich sehen zu müssen, daß diese Zustände entstehen und ihnen in den Händen der unerfahrenen Therapeuten keine Aufmerksamkeit zuteil wird.
  2. Ein Problem in der therapeutischen Technik: Nur mit genügend Erfahrung und Ausbildung ist es möglich, eine schwierige therapeutische Situation sowie die eigenen technischen Grenzen zu erkennen. Es ist dann möglich, geeignete Maßnahmen zu ergreifen – festzustellen, ob ein bestimmtes Problem die eigenen Fähigkeiten übersteigt oder jenseits der gegenwärtigen Möglichkeiten der Therapie selbst steht. Im ersten Fall kann das Problem bei einem Fortbildungsseminar vorgestellt werden oder der Patient kann an einen anderen, einen erfahreneren Therapeuten überwiesen werden. Wenn das Problem den Rahmen der Therapie sprengt, wird die Situation mit dem Patienten offen besprochen und ihm nahegelegt, daß im Interesse des Patienten die Therapie abgebrochen werden sollte.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, wie mir ein anderer Orgonom von einer lebensbedrohlichen Situation berichtet hat, die im Verlauf der Therapie aufkam. Der Patient entwickelte regelmäßig wiederkehrende Episoden von Nierenversagen, wann immer ein bestimmter Punkt in der Therapie erreicht wurde. Der Therapeut sagte dem Patienten, daß er mit der Therapie aufhören sollte und daß er unter keinen Umständen eine Therapie bei jemand anderem riskieren sollte, da es ihn wahrscheinlich umbrächte. Der Patient konsultierte daraufhin einen bioenergetischen Therapeuten in New York City, der ihm versicherte, daß es wirklich keinen Anlaß zur Sorge gäbe und daß er ihn heilen könne. Die Orgonom wurde später vom Tod des Patienten informiert, kurz nachdem der die bioenergetische Behandlung begonnen hatte.

Das Verhalten von unqualifizierten, unerfahrenen Therapeuten ist mehr denn unverantwortlich. Leider gibt es keine gesetzliche Handhabe, den unvorsichtigen Patienten vor solchen Praktiken zu schützen. Mit der vor kurzem erfolgten Umsetzung eines liberalisierten ethischen Standards durch die AMA [American Medical Association] haben sich die Schleusentore für jede Art von Scharlatanen und Psychopathen im medizinischen Betrieb geöffnet.

Eine unabhängige Kontrolle der therapeutischen Arbeit dieser Laientherapeuten kann erfolgen durch den Vergleich dieser Patienten mit dem klinischen Erscheinungsbild von Patienten, die von qualifizierten medizinischen Orgonomen überwiesen worden sind. Wenn ein bestimmtes Problem in der Therapie festgestellt wird, können Patienten an einen anderen Orgontherapeuten überwiesen werden. Das Erscheinungsbild der Patienten steht in der Regel in starkem Gegensatz zu den oben beschriebenen Fällen. Hier erreichte der Therapeut eine Sackgasse und wußte es. Diese Fälle wurden bis zu dem Punkt korrekt behandelt, an dem das spezifische Problem aufgetreten ist. Es war klar, daß der Panzer systematisch entfernt worden war. Dies basiert auf folgenden Kriterien:

  1. Die oberen Segmente wurden vor den unteren bearbeitet.
  2. Es wurde von der Oberfläche (Peripherie) ausgehend nach innen zum Kern hin gearbeitet.
  3. Es wurden historisch spätere Quellen des Panzers vor früheren bearbeitet.
Diese Kriterien, die von jedem qualifizierten medizinischen Orgonomen strikt befolgt werden, stellen sicher, daß jeder Fall korrekt angegangen wird.

 

Fazit

Diese Fälle sind typische Beispiele für das, was man von unerfahrenen Therapeuten erwarten kann. Mehrere wichtige Schlüsse können gezogen werden:
  1. In keinem dieser Fälle gab es irgendeinen Hinweis darauf, daß die Panzerung auf eine systematisch Weise angegangen worden wäre, die auf dem Verständnis der Struktur des einzelnen Patienten basierte und auf der Grundlage einer korrekten psychiatrischen Diagnose angegangen wurde.
  2. In Ermangelung dieses Verständnisses erfolgte die Therapie auf eine planlose Art und Weise je nach Lust und Laune und den persönlichen Neigungen des Therapeuten.
  3. Wir können davon ausgehen, daß unter diesen Umständen die Therapie früher oder später festfahren würde, wenn die unsystematische Auflösung des Panzers fortgeführt wird. Das würde sich an den folgenden Situationen zeigen:
  4. a.) Beschwerden durch den Patienten, daß die Therapie nirgends hinführe.
    b.) Zuname offenen Widerstands gegen die Therapie durch den Patienten (das Auftreten von Trotz, negative therapeutische Reaktion, Wiederholungszwang, etc.).
    c.) In Fällen, wo der Patient sich nicht gegen den Angriff des Therapeuten panzerte, beobachtet man entweder Manifestationen von intensiver Angst oder verheerende Reaktionen wie Psychose, Selbstmord oder den Zusammenbruch in organische Krankheit.

Warum glauben Leute wie "Primärtherapeuten", "Reichianische Therapeuten" und bioenergetische Therapeuten, daß sie dazu in der Lage wären, diese denkbar schwere Therapie ohne die sorgfältige Vorbereitung auszuüben, die von jedem Orgontherapeuten verlangt wird? Den meisten dieser selbsternannten Heiler fehlt sogar die Mindestvoraussetzung für die Arbeit in diesem Bereich: ein Medizinstudium, eine Facharztausbildung in Psychiatrie oder innerer Medizin, eine supervidierte Ausbildung in Orgontherapie, sowie eine gesunde Charakterstruktur.
(3) Anstelle dieser Kriterien stützen sie sich auf eine Mischung von Unverfrorenheit plus ihrem eigenen Glauben an ihre besonderen Heilkräfte. Diese Einstellung verrät nicht nur Arroganz und Anmaßung, sondern auch Verachtung für harte, beständige Arbeit, ganz zu schweigen von Verachtung für den Patienten selbst. Man wünschte, daß im Interesse des Patienten die Therapie tatsächlich so einfach wäre, wie sie sie hinstellen. Anhand der oben beschriebenen Fälle wird jedoch deutlich, daß dies tatsächlich eine gefährliche und irrige Haltung ist.

 




Literatur

  1. E.F.: "Lay Therapists", Journal of Orgonomy, 11: 62-67, 1977

 


Fußnoten

(1) Siehe "The Body Therapies" von Dr. M. Herskowitz im , Vol. 13, No. 1, May 1979.

(2) Abgesehen von ein paar Gruppen, wie denjenigen, die in diesem Artikel Erwähnung finden, bezeichnen sich die meisten der Körpertherapeuten selbst als "Reichianisch" oder "neo-Reichianisch".

(3) Eine ausführlichere Liste von Anforderungen finden Sie im Journal of Orgonomy, November 1977, S. 276.