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DIE ZEITSCHRIFT
FÜR ORGONOMIE

Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens.
Sie sollten es auch beherrschen.

WILHELM REICH

 



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Charles Konia
Vittorio Nicola

EINE DRAMATISCHE VISUELLE REAKTION AUF ANGST

Peter A. Crist, M.D.

The Journal des Orgonomy vol. 28/1, 1994
The American College of Orgonomy

 

Die Reaktion eines Patienten auf Angst kann dramatische Formen annehmen. Ein solcher Fall wird kurz dargestellt.

Debby, eine 35jährige, verheiratete, weibliche Bürovorsteherin arbeitete in der Therapie in den letzten Jahren an ihren Problemen mit der Selbstbehauptung. In einer bestimmten Sitzung drückte sie ihre Enttäuschung über eine Kollegin aus und sagte mit viel Gefühl: "Ich möchte sie zu Brei schlagen." Mit meiner Ermutigung ließ sie diesem Impuls durch Eindreschen auf einen gepolsterten Armschutz, den ich vor mich hielt, freien Lauf. In früheren Sitzungen konnte sie Zorn ausdrücken, wenn auch mit einiger Hemmung. Diesmal geriet sie jedoch in Rage und schlug und schrie mit einem gut fokussierten, mörderischen Ausdruck, der in ihren Augen brannte. Sobald sie einhielt, erschien ihr Gesicht, in rascher Folge, erleichtert, erschrocken, dann ängstlich, doch lächelte sie schnell. Mit einem Blick, aus dem verzückte Aufmerksamkeit sprach, merkte sie an: "Ich sehe eine ziemliche Lichtshow."

Sowohl mit offenen als auch geschlossenen Augen sah sie in einem erheblichen Teil ihres Gesichtsfeldes verschiedene Formen mit funkelnden Begrenzungen – Zickzacklinien, Geraden und unregelmäßige Flecken. Sie schien freudig erregt zu sein, aber mit einem entrückten, fast tranceartigen Gesichtsausdruck mystischen Staunens. Sie sagte: "Das fühlt sich wunderbar an. Ich habe noch nie einen so wunderschönen Anblick erlebt."

In dem Versuch, diese Sehstörungen abzuklären, schlug ich vor, ihre Augen zu rollen und im Raum umherzublicken, sie dann weit zu öffnen und zusammenzupressen. Dies hatte keine Auswirkungen. Allmählich wandelte sich ihre offensichtliche Faszination für das, was sie da sah, in Unbehagen und sie fing an, hinter einem vernebelten und verwunderten Blick Angst in den Augen zu zeigen. Trotzdem versuchte sie sich eine positive Sicht und eine Haltung des Staunens zu bewahren. Aus unserer vorangegangenen Arbeit wußte ich, daß sie in der Regel diese Haltung als eine Abwehr einnahm. Es wurde nun deutlich, daß diese dramatische visuelle Reaktion mit Angstvermeidung verbunden war. Das Problem war, wie man sie zurück in Kontakt mit der Angst bringen könne.

Ich fragte sie, was sie unmittelbar nach dem Wutanfall gefühlt hatte und sie antwortete: "Furcht". Ich sagte: "Fühlen Sie sie jetzt?" "Nein." Ich hielt ihr einen Spiegel vors Gesicht und sagte ihr, sie solle in ihre Augen blicken. Zuerst sagte sie: "Es fällt schwer sicher zu sein durch diese blinkenden Lichter." Ich schlug ihr vor, sie solle ihre Augen weit öffnen, während sie sie betrachtete. Dies rief Angst in ihren Augen hervor und sie sagte: "Oh! Mein Gott! Ich sehe erschrocken aus! ... Jetzt fühle ich es." Darin minimal bestärkt, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus und die blinkenden Lichter und andere visuelle Phänomene verschwanden sofort. Sie hatten ca. 10-15 Minuten angedauert.

In nachfolgenden Sitzungen tobte Debby mit gleicher Intensität, tolerierte Kontakt mit ihrer Angst und machte keine Sehstörungen durch.

 

Falldiskussion

Kurz nachdem sie ihre zuvor gehemmte Wut zum Ausdruck gebracht hatte, fühlte sich Debby "wunderbar". Tatsächlich waren ihre "guten" Gefühle und ihre offensichtliche Freude jedoch keine guten Zeichen. Sie waren eine Abwehr gegen ihre zugrundeliegenden Emotionen. Ihr offensichtliches Vergnügen hatte einen beunruhigenden falschen Unterton. Die Qualität ihrer lustvollen Gefühle und deren Ausdruck in Verbindung mit ihren Sehstörungen bestätigte, daß etwas mit ihrem emotionalen Zustand eindeutig nicht stimmte.

Was ist emotional und energetisch geschehen? Die Intensität von Debbys Wut war viel größer und wurde von mehr Energiebewegung durch ihr Gehirn begleitet, als sie es je zuvor erlebt hatte. Als Reaktion darauf kontrahierten ihr okulares Segment und ihr Gehirn. Unmittelbar nach der Entladung der Wut fühlte sie sich erleichtert. Innerhalb von Sekunden entwickelte sie jedoch Angst, als sie anfing sich gegen die Expansion zu kontrahieren. Sie wehrte diese Angst schnell ab, indem sie sich von ihr abspaltete und kontaktlos wurde (1). Dann entwickelte sie einen künstlichen expansiven Ersatzkontakt (2) mit ihrem "mystisch-artigen" Zustand der "Freude".

Es gibt einen tiefgreifenden Unterschied zwischen einer künstlichen Ersatzexpansion und einer echten einheitlichen Expansion. Es ist wichtig, in der Lage zu sein, den Unterschied zwischen den beiden zu spüren. Bei dieser Patientin war das Wissen um ihre Schwierigkeit hilfreich, Angst, Furcht und Traurigkeit auszuhalten. Während ihrer gesamten Therapie war sie diesen kontraktiven Emotionen charakteristischerweise ausgewichen, indem sie gegen sie mit einer gezwungenen Expansion reagierte. Eine Verbindung zwischen dieser Überexpansion und der Mystik wird durch ihr Verhalten während dieser Episode nahegelegt.

Die physiologische Grundlage dieser Sehstörungen ist ungewiß. Allerdings erinnern sie an die klassischen funkelnden Skotome, die mit Migräne einhergehen. Nach Dew (3) ist die zugrundeliegende biophysische Grundlage der Migräne eine reaktive Expansion, die einer Kontraktion folgt. Dieses energetische Bild ist identisch mit dem, was man bei dieser Patientin gesehen hat. Ihre Reaktion war jedoch von viel kürzerer Dauer als eine Migräne und wurde einfacher rückgängig gemacht. Sie wurde unmittelbar beseitigt durch ihr Wiedererlangen von emotionalem Kontakt und ihre Entladung von Angst.

Schließlich sollte auch angemerkt werden, daß diese Patientin eine oral unbefriedigte Hysterikerin war. Dissoziative Reaktionen sind bei diesem Charaktertyp nicht selten.

 




Literatur

  1. Reich, W.: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989, 418-432
  2. ebd., 432-439
  3. Dew, R.A.: "The Biopathic Diathesis (VIII): Headache", Journal of Orgonomy, Vol. 8., No. 2 (1974): 14-54